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In den Jahren seit der Entstehung der Bergungseinheiten im Rahmen der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk vor rund 60 Jahren ist die westliche Welt einem kontinuierlichen Wandlungsprozess unterworfen. Eine zur Sicherheit der Bevölkerung aufgestellte und damit als Dienstleister fungierende Einheit wie der Bergungsdienst muss sich folglich mit diesen Veränderungen auseinandersetzen und seine Zielsetzungen sowie seine Taktik und seine Technik gegebenenfalls den neuen Anforderungen angleichen.

Die für die Rettung von Personen und Tieren (Aufgabenbereiche laut THW-Gesetz) bedeutsamen Entwicklungen lassen sich unterteilen in technische Veränderungen und Veränderungen der gesellschaftlichen Wertestruktur.

Die technischen Anforderungen sind geprägt von:

  • Weiterentwicklung der Infrastruktur mit räumlich und zeitlich intensiverer Verzahnung gekoppelt mit geringer ausgeprägter Autarkie der einzelnen Kompartimente. Hieraus resultiert eine zunehmende Empfindlichkeit des Gesamtsystems bei Ausfall einzelner Bereiche. Das Funktionieren der logistischen Struktur unserer Gesellschaft wird anfälliger gegen Störungen.

  • Zunehmender Einzug der Materialwissenschaften in die Alltagsverwendung mit der Konsequenz, dass im Einsatzfall auch mit neuartigen Baustoffen mit teilweise völlig ungewohnten Eigenschaften und Gefahren umgegangen werden muss. Beispielhaft sei hier die Verwendung von Spannbeton im Wohnhausbau oder von Nagelbindern bei Dachkonstruktionen genannt, die mit einer Fülle von neuartigen Gefahren für Einsatzkräfte einhergehen.

  • Voranschreitende Baudichte. Waren in den 50iger Jahren die Bauten in Großstädten zumeist noch auf 3-7 Stockwerke begrenzt, sind heute Wohnbauten mit 20 und Bürotürme mit 40 und mehr Etagen keine Ausnahmen mehr.

Die Veränderung der Wertestruktur westlicher Gesellschaften spiegelt sich natürlich in deren Erwartungshaltung in Bezug auf Katastrophen wider. Wesentliche Faktoren sind dabei:

  • Die über die Jahrzehnte kontinuierliche Erhöhung der Sicherheitsansprüche, gepaart mit dem schwindenden Bewusstsein ob der schieren Unabwendbarkeitvon Naturkatastrophen.

  • Passend dazu veränderte sich in den letzten Jahrzehnten in der öffentlichen Wahrnehmung der Erwartungsdruck bei Katastrophen von „möglichst vielen helfen können“ (Idee bei Gründung der KatS-Organisationen) hin zu einem „Jeder ist zu retten“. Dies gilt natürlich in gleichem Maße für die Unversehrtheit der Rettungskräfte während der Einsätze.

  • Verschärfend wirkt parallel der zunehmende Druck auf Einsatzkräfte, Opfer und Angehörige durch die „neuen Medien“, mit denen Informationen, aber auch Stimmungen und Meinungen um ein Vielfaches schneller und unüberschaubarer verbreitet werden.

 

Diesen Veränderungen Rechnung zu tragen ist die Aufgabe des Katastrophenschutzes. Dazu bedarf es jedoch hoher Herausforderungen nicht nur im finanziellen, sondern vor allem im intellektuellen Bereich.

 

Bedeutsam hierbei sind vor allem Rettungs- und Sicherungsarbeiten in schwierigem Gelände aller Art (z.B. innerhalb von Trümmergeländen, in Hanglagen, an und in Gewässern etc.), dem Hauptbetätigungsfeld der Bergungseinheiten:

Hier sind die Rettungsmannschaften

- bei den Arbeiten auf tragbares Gerät beschränkt

- stets in unmittelbarer Nähe der Gefahr gebunden (Entfernung entspricht der Armlänge)

 

Beide Aspekte gefährden den Einsatzerfolg in potentiell erheblichem Maße, anhand der bereits erläuterten Sachverhalte verständlich wird.

So ergibt sich zwingend der Bedarf nach einem hochmobilen universellen Geräteträger mit leistungsfähigen und leicht austauschbaren Einsatzwerkzeugen für den Katastrophenschutz.. Die Anforderungen an ein derartiges Grundgerät wurden im THW bereits 2006 wie folgt definiert:

  • Geringes absolutes Gewicht (transportierbar mit den vorhandenen Transportkomponenten)
  • Hohes Leistung-Gewicht-Verhältnis
  • Geringer Flächendruck (Arbeiten auf weichem / hohlen Untergrund; innerhalb von Gebäuden)
  • Hohe Wattiefe
  • Hohe Geländegängigkeit
  • Mehrachsig bewegliche Anbaugeräte
  • Fernbedienbarkeit

Aus der Vielzahl möglicher Geräte kristallisierte sich schließlich ein als Schreit- oder Spinnenbagger bekanntes Chassis heraus.

Parallel wurde anhand des Anforderungsspektrums bei Bergungseinsätzen eine Systematik möglicher und nötiger Anbaugeräte für diesen Werkzeugträger erarbeitet. Schwerpunkte dazu bildeten gemäß der vier Säulen der Bergung die Unterbereiche Fixieren, Eröffnen, Abtragen, Eindringen sowie Transportieren und für spätere Ausbaustufen Orten.

Die Vorstellung dieser Überlegungen der Ortsverbände Remscheid und Berchtesgadener Land bei der THW-Leitung in Bonn im August 2006 machte aus dem Konzept ein Projekt. Zusätzlich wurde das System vom Präsidenten des THW auf den Namen Rettungsspinne getauft.

Mit der aktuellen Version „Rettungsspinne II“ findet eine Vielzahl der Projektresultate Eingang in das Rettungsgerät: In Bezug auf Maschine und ihre Anbaugeräte sind drei Aspekte hervorzuheben:

  1. Die Rettungsspinne benutzt kein Gegengewicht zur Stabilisierung, sondern kann Lasteinwirkungen mit Hilfe der Beinpositionierung ausgleichen. Da jedes der vier Beine individuell horizontal und vertikal verstellt werden kann, ist es perfekt möglich, sich dem Untergrund anzupassen ohne unnötige Kräfte in Boden oder Umgebung einzuleiten. Zusätzlich kann sich die Maschine mit Hilfe zweier Beine und des Baggerarmes fortbewegen, so dass sie auch klettern oder sensible Bereiche berührungslos übersteigen kann.

    Anfängliche Befürchtungen bezüglich Problemen für die Fahrer, mit einer komplex anmutenden Maschine dieser Art zurecht zu kommen, haben sich schnell gelegt. Bereits nach wenigen Stunden Praxis sind die Einsatzkräfte mit der Bedienung vertraut und der Feinschliff zwischen Mensch und Maschine ist nur noch eine Frage der Übung. Führer anderer Baumaschinen konnten die zusätzlichen Funktionen generell sehr schnell automatisieren und haben in aller Regel keine Schwierigkeiten im Bedienen der Rettungsspinne.

  1. Es ist hervorzuheben, dass das neue Modell Rettungsspinne II weltweit der einzigen Schreitbagger mit vollständiger Fernsteuerbarkeit aller hydraulischen und elektrohydraulischen Komponenten inklusive Fahr- und Schreitfunktionen handelt. Tests zur sichtkontaktfreien Steuerung begannen Anfang 2013. Damit kann der Fahrer sowohl direkt neben dem Anbaugerät stehen, um maximale Präzision zu erreichen oder aber bis zu 100m entfernt außerhalb des Gefahrenbereiches seine Maschine steuern. Auch ist es möglich mit zwei Fahrern zu agieren (einer im Führerhaus, einer mit Fernbedienung), um die Vorteile beider Steuerungsarten ohne Zeitverlust zu bündeln.

  2. Die Maschine ist mit einem Schnellwechselsystem für die Anbaugeräte ausgestattet. So kann man sich an neue Aufgaben in Minutenschnelle anpassen, ohne Hand anlegen zu müssen.

Die derzeitig vorhandenen bzw. in der Entwicklung befindlichen Anbaugeräte sind:

  1. Tiltrotator
    Um die optimale räumliche Anpassung des Werkzeugs an das Objekt zu ermöglichen besitzt der Baggerarm am Ende einen Tiltrotator, an dem das Schnellwechselsystem befestigt ist. So kann das Werkzeug endlos rotieren und erhält zudem eine zusätzliche Achse mit Seitenschwenkoption nach rechts und links.
  1. Löffel
    Das Standardwerkzeug zum Graben, Schreiten und zur Massenbewegung
  1. Sortiergreifer
    Zur kontrollierten Bewegung größerer Teile. Der Greifer ist als Universalwerkzeug exzellent geeignet
  1. Betonzange
    Geeignet zur sensiblen Zerkleinerung größerer Betonteile, ohne die umgebenden Bauteile beispielsweise eines teileingestürzten Gebäudes groß zu belasten. Zum Schneiden der Armierungen ist in die Zange ein Stahlschneider integriert. Das Gerät enthält einen hydraulischen Booster, um seine Effizienz bei harten Aufgaben zu maximieren.
  1. Stahlschere
    Ebenfalls mit Booster ausgestattet ist die Stahlschere das Mittel der Wahl für Endlosschnitte durch große Werkkörper.

  2. Meißel
    Auch ein Meißel gehört dazu, um große Stein-oder Betonhindernisse zu zerkleinern.